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Altenpfleger_in: ein Beruf mit Zukunft, nah am Menschen und sozial – Interview mit Danijela

Alina (A): Hallo Danijela! Wir heißen Dich willkommen! Wie würdest Du Dich unseren Leserinnen und Lesern vorstellen?

Danijela (D): Ich bin Danijela, 20 Jahre alt, komme aus Serbien, bin seit ca. 4 Jahren hier in Deutschland und mache jetzt eine Ausbildung zur Altenpflegerin in Holtenau beim Kieler Stadtkloster im Kurt-Engert-Haus.

A: Was war deine Motivation, mit der Ausbildung als Altenpflegerin anzufangen?

D: Meine Motivation war es, Menschen zu helfen. Ich wollte irgendetwas machen, was nah am Menschen ist. Eines Tages saß ich im Bus und habe einen Mann gesehen, der mit einer älteren Frau im Rollstuhl gesprochen hat. Sie haben sich die ganze Zeit nett unterhalten. Aus ihrem Gespräch habe ich verstanden, dass der Mann die ältere Frau beruflich betreut und sie zu einem Termin bringen soll. Ich wusste nicht, welcher Beruf das ist. In Serbien kannte ich den Beruf „Altenpfleger_in“ nicht. Das Gesehene hat aber auf jeden Fall mein Interesse geweckt. Ich habe dann meine Lehrerin gefragt und sie hat mir ein bisschen über den Beruf erzählt. Zunächst war ich skeptisch: ich konnte es mir z.B. gar nicht vorstellen, die Menschen zu waschen oder sie regelmäßig zu berühren. Alle meine Ängste und Zweifel waren nach dem Praktikum in einem Altenheim weg. Schon am ersten Tag habe ich gemerkt, dass die Altenpflege doch mein Ding ist. Im Anschluss zum Praktikum machte ich noch ein FSJ, um mich noch besser beruflich zu orientieren und mich zugleich auf die zukünftige Ausbildung besser vorzubereiten. Erst nach dem freiwilligen sozialen Jahr habe ich mich um eine Ausbildung zur Altenpflegerin beworben.

A: Was hast Du in Deinem Heimatland Serbien gemacht? Schule, Arbeit?

D: In Serbien habe ich meinen Schulabschluss gemacht. Hier, in Deutschland, musste ich ein Jahr Deutsch lernen und dann den Hauptschulabschluss nachmachen.

A: Welche Erwartungen hattest Du von Deiner Ausbildung?

D: Vor dem Praktikum im Altenheim hatte ich ganz andere Vorstellungen von der Ausbildung zur Altenpflegerin. Ich habe gedacht, dass es überanstrengend ist und dass man ziemlich viel arbeitet.

A: Wurden Deine Erwartungen erfüllt?

D: Nur zum Teil, aber nicht in dem Maße wie ich es mir vor dem Praktikum vorgestellt habe.

A: Wie würdest Du Deinen Ausbildungsort beschreiben? Die Atmosphäre, die Kolleg_innen, die Arbeit insgesamt.

D: Die Kolleg_innen sind alle nett. Sie sind immer sehr hilfsbereit. Der Chef ist nett. Jeder fühlt sich bei uns wohl: die Bewohner_innen, die Kolleg_innen und die Auszubildenden.

A: Wie viele Auszubildende gibt es im Betrieb?

D: In unserem Haus gibt es einen ambulanten und stationären Dienst. In beiden Diensteinrichtungen haben wir insgesamt sechs Auszubildende.

A: Wie sieht es mit dem Anteil von Männern und Frauen aus?

D: Bei uns im Altenheim arbeiten 10 Frauen und 6 Männer. In meiner Klasse gibt es allerdings mehr Jungs als Mädels.

A: Wie viele Tage bist Du im Altenheim, wie viele musst Du in der Schule sein?

D: Wir haben Blockunterricht, d.h. dass ich manchmal eine Woche Arbeit und vier Wochen Schule habe und umgekehrt. Es ist vom Mal zum Mal anders. Die Schule ist beim Deutschen Roten Kreuz verankert.

A: Wo liegen die Besonderheiten Deines Berufs?

D: In dem Vertrauen zu Menschen. Die Bewohner_innen vertrauen mir und meinen Kolleg_innen und wir vertrauen den Bewohner_innen. Die Kommunikation auf vertrauensvoller Basis schätzen beide Seiten.

A: Wie alt sind die Bewohner_innen im Durchschnitt?

D: Die Älteste ist 103 und die Jüngste ist ungefähr 60 Jahre alt.

A: Wie sieht es mit dem Arbeitsaufwand aus? Wie schwierig ist es körperlich und seelisch?

D: Wir haben alle möglichen Hilfsmittel, die uns z.B. helfen, die Bewohner_innen aus dem Bett in den Rollstuhl zu transportieren. Man braucht nicht so viel körperliche Kraft, wie man denkt. Auch zierliche Frauen und Männer schaffen es (lacht). Was das Seelische angeht: am Anfang war es schwierig für mich. In den ersten Monaten konnte ich nach dem Feierabend nicht so schnell abschalten. Allmählich lernt man aber, auch auf sich selbst zu achten und sich selbst in der Freizeit Ruhepausen zu gönnen.

A: Wie fängt Dein typischer Arbeitstag an?

D: Ich arbeite in Schichten. Mein Frühdienst fängt um 6 Uhr an und geht bis 13:30 Uhr. Der Spätdienst dauert von 12:30 bis 20:15 Uhr. Wenn ich bei der Arbeit ankomme, ziehe ich mich um, dann trinke ich erstmal Kaffee (lacht) und währenddessen informiere ich mich, was in den Tagen passiert ist, als ich nicht da war. Manchmal gibt es sehr wichtige Details, die ich unbedingt beachten muss. Als Nächstes gehe ich nach dem sogenannten „Tourplan“ zu den Bewohner_innen. Der Tourplan wird regelmäßig aktualisiert. Darin steht der Name, das Zimmernummer, worauf man bei den jeweiligen Bewohner_innen genau achten muss, z.B. ob man bei manchen Bewohner_innen die Körperhygiene durchführen muss oder ob sie dies alleine erledigen können. Die Touren enden frühestens um 10 oder 11 Uhr. Nach dem Mittagessen betreuen wir die Freizeitaktivitäten und erledigen Papierkram, d.h. z.B. Tätigkeitsberichte schreiben.

A: Welche Aufgaben hast Du?

D: Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Wie schon erwähnt liegt mein Schwerpunkt in der Rundumbetreuung von Bewohner_innen. Wir leisten Essenshilfe, unterstützen bei Toilettengängen, unterstützen die Bewohner_innen beim Waschen usw. Wir kümmern uns aber nicht nur um ihr körperliches, sondern auch um ihr seelisches Wohlbefinden, dazu gehört auch die Unterhaltung. Im Sommer gehen wir mit den Bewohner_innen spazieren. Im Winter laufen wir zusammen durchs Haus, hoch und runter (lacht). Jeden Tag wird Gymnastik gemacht. Manchmal gibt es Tanz- oder Musikabende. Wir spielen regelmäßig Brettspiele mit den Bewohner_innen, z.B. Mensch ärgere Dich nicht. Zu Weihnachten und Silvester basteln wir zusammen. Dazu kommen alle möglichen zusätzlichen Kleinaufgaben, wie Müll entsorgen oder die Kleidung in die Wäsche packen usw.

A: Hast Du irgendwann Freizeit?

D: Ich habe jedes zweite Wochenende frei und wenn ich am Wochenende arbeiten muss, dann habe ich irgendwann während der Woche frei. Es ist also im Prinzip eine ganz normale 5-Tage-Arbeitswoche.

A: Wie sah der Bewerbungsprozess aus?

D: Ich musste meinen Lebenslauf, mein Anschreiben und meine Zeugnisse einreichen. Zusätzlich muss man für diesen Beruf ein Attest vom Arzt vorlegen. Dieses zeugt davon, dass man körperlich und seelisch fit für die Ausbildung ist.

A: Wie verlief das Vorstellungsgespräch?

D: Ich habe die Bewerbungsunterlagen abgegeben und direkt am folgenden Tag habe ich einen Anruf bekommen. Man hat mich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Als ich im Gespräch erzählt habe, dass ich ein FSJ und ein Praktikum im Bereich Altenpflege gemacht habe, wollten sie mich sofort einstellen (lacht)! Das Gespräch selbst hat mit meinem jetzigen Schichtleiter stattgefunden. Meine Vorgesetzten haben sich echt gefreut, dass sie jemanden gefunden haben!

A: Welche Unterstützung hast Du auf dem Weg zu deinem Ausbildungsplatz bekommen?

D: Bei der KAUSA Servicestelle Kiel habe ich eine umfangreiche Berufsorientierung und Tipps zur Bewerbung erhalten. Ansonsten war ich überall, wo ich Hilfe bekommen konnte.

A: Welche Schwierigkeiten gab es auf dem Weg?

D: Die größte Schwierigkeit gab es mit dem Aufenthaltsrecht. Ich darf hier als Geflüchtete aus einem sogenannten „sicheren Herkunftsstaat“ nicht arbeiten. Um diese Ausbildung machen zu dürfen, musste ich erstmal einen Vertrag bekommen und ihn bei der Ausländerbehörde vorlegen. Das habe ich gemacht, die Ausländerbehörde hat meine Ausbildung genehmigt und meine Duldung wurde verlängert. Auch als Auszubildende muss ich alle drei Monate meine Duldung verlängern lassen. Nach der Ausbildung habe ich sechs Monate Zeit, einen festen Arbeitsvertrag zu bekommen und erst dann, wenn ich diesen Vertrag habe, bekomme ich die Aufenthaltserlaubnis. Diese Aufenthaltsformalitäten sind also das Schwierigste, was es auf meinem Weg gab. Die Bewerbungsunterlagen und die Suche nach Ausbildungsplätzen waren die weiteren Herausforderungen, die ich gemeistert habe.

A: Wer ist dein_e Hauptansprechpartner_in, wenn Du Probleme im praktischen Teil Deiner Ausbildung hast?

D: Mein Praxisanleiter, das ist zugleich mein Schichtleiter, und meine Kolleg_innen. Sie sind immer für mich da.

A: Hast Du Probleme, den Stoff in der Berufsschule zu verstehen?

D: Es ist schon schwer, aber ich frage manchmal 10 Mal nach und man erklärt mir alles geduldig, auch 10 Mal oder mehr. Meistens frage ich meine Arbeitskolleg_innen. Sie helfen mir oft beim Lernen, geben mir gute Beispiele aus der Praxis. So versteht man den Lernstoff viel besser und lernt, ihn gleich anzuwenden.

A: Aus welchen Fächern besteht der Unterricht in der Schule?

D: Das sind viele Fächer, aber keine Mathe, kein Deutsch und kein Englisch (lacht)! Wir lernen z.B. viel über Präventionsmaßnahmen, über Krankheitsbilder, Anatomie des Menschen, über die Wirkungsweise von unterschiedlichen Medikamenten, Psychologie, Arbeitsschutz, Hygiene usw.

A: Gibt es ein Fach, das Dir besonders gefällt?

D: Ich mag alles. Allerdings fällt es mir manchmal nicht so leicht, wenn wir manche Begriffe auf Latein oder Griechisch lernen müssen. Die muss ich dann erst ins Deutsche und dann ins Serbische für ein besseres Verständnis übersetzen. Das kostet manchmal viel Zeit.

A: Gab es in deiner Ausbildungspraxis schon Fälle oder Situationen, die Du als besonders herausfordernd fandest?

D: Ich betreue zurzeit eine Frau, die krebskrank ist. Sie weiß, dass sie nicht überleben wird und sie sagt, dass sie sobald wie möglich sterben möchte. Ich weiß oft gar nicht, was ich ihr darauf antworten soll, wie ich sie trösten kann. Das ist schwer.

A: Hast Du noch Tipps für unsere Leserinnen und Leser? Was kannst Du ihnen empfehlen, wenn sie diese Ausbildung machen möchten?

D: Viele Leute sagen, dass dieser Beruf kein guter Beruf ist. Das stimmt nicht. Dieser Beruf macht viel Spaß. Man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Erst sollte man alles selbst mit eigenen Augen gesehen haben, um urteilen zu können. Macht doch ein Praktikum und seht für euch selbst, ob die Altenpflege zu euch passt. Für mich war es die richtige Wahl. Auch für meine Schwester, die vor kurzem mit der Ausbildung zur Altenpflegerin angefangen hat.

A: Liebe Danijela, vielen Dank für das Interview, Deine Zeit und Deine Offenheit! Wir drücken Dir die Daumen, dass Du auch weiter Deine Ausbildung genießt und Dein Aufenthaltsstatus verbesserst. Deine Erfahrungen zeigen, dass die Geflüchteten mit sogenannten „schlechten Bleibeperspektiven“ in Deutschland auch Chancen haben, sich in das System der dualen Ausbildung zu integrieren. Darum muss man sich natürlich aktiv bemühen, keine voreiligen Schlüsse ziehen, bei Schwierigkeiten immer Hilfe suchen, nicht aufgeben und viel Fleiß in seine Ziele investieren!


Interview mit Danijela am 08.11.2018

A: Alina Berezovska, Interviewerin, Mitarbeiterin der KAUSA Servicestelle Kiel
D: Danijela Dordevic, Geflüchtete, Auszubildende zur Altenpflegerin

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